Frankfurter Neue Presse

Der Türke mit dem bayerischen Humor

Von Thomas Remlein

Frankfurt. Der türkische Kabarettist Sinasi Dikmen erhält in diesem Jahr den Kulturpreis "Skyline" der Frankfurter SPD. Deren Vorsitzender Franz Frey stellte gestern den Preisträger vor. Frey nannte den in Frankfurt wohnenden Dikmen einen "Künstler, der mitgeholfen hat, Frankfurt zur Hauptstadt des Humors zu machen". Schließlich habe Frankfurt die größte Dichte an Satirikern, Karikaturisten und Kabarettisten.

Dikmen ist Gründer und Eigentümer des Kabaretts "Die Käs" (Kabarett-Änderungsschneiderei). Der SPD-Unterbezirk verleiht den mit 5000 Euro dotierten Preis zum zweiten Mal. 2001 wurde die Rapperin Sabrina Setlur ausgezeichnet.

Mit dem Preis will die Frankfurter SPD laut Frey Leistungen würdigen, die in die gesamte Republik ausstrahlen wie die Skyline. Als Dikmen erstmals von der ihm zugedachten Ehre hörte, traf ihn erst einmal ein Schock: Er erhielt nämlich einen Anruf des Jugend- und Sozialamtes, das Parteichef Frey als Dezernent leitet. "Bin ich jetzt schon ein Sozialfall?", dachte sich Dikmen und fragte gleich: "Welche Unterlagen soll ich mitbringen?" Bevor er den Preis annahm, bat er sich 24 Stunden Bedenkzeit aus, denn: Ich habe noch nie etwas angenommen, wenn ich nicht wusste wofür."

Möglicherweise hatte Dikmen ja auch das Schicksal der ersten Preisträgerin in Erinnerung. Mit dem in der heißen Phase des Kommunalwahlkampf an Setlur verliehenen Preis hatte die SPD einen Mega-Knaller gelandet. Kurz vor der Verleihung begann Setlurs Kurz-Liaison mit Wimbledonsieger Boris Becker. Doch nach der Preisverleihung, ging's mit Sabrina Setlur bergab. Zuerst war Becker weg, dann fuhr sie Schrammen in ihren Porsche, dann war wegen einer Trunkenheitsfahrt ihr Führerschein weg.

Dikmen fürchtet solch eine Pechsträhne indes nicht und lieferte den Grund gleich mit: "Ich habe keinen Porsche." Er bezeichnet sich in einer Kurz-Autobiografie als Türke, "der wie ein Bayer aussieht, klein, gedrungen, ein bisschen dick, der wie ein Tscheche Deutsch spricht, mit starkem slawischen Akzent, der eine Brille trägt wie ein Japaner". Seine Vorfahren stammen aus dem Kaukasus, sein Vater ist Tscherkesse, seine Mutter halb Türkin, halb Tscherkessin. Der heute 58-Jährige kam am 6. April nach Deutschland. In der Türkei war er über vier Jahre als Gesundheitsbeamter tätig. Im Ulm arbeitete er über 15 Jahre lang als Krankenpfleger. Nebenbei schrieb er (auf Deutsch) kurze Satiren und wurde entdeckt: 1983 und 1984 gastierte er zwei Mal im "Scheibenwischer" von Dieter Hildebrand und begann eine neue Karriere. Sinasi Dikmen war der erste, der sich mit dem Dasein der Türken in Deutschland humoristisch-satirisch auseinander setzte. Er ist der Gründer des ersten türkischen Kabaretts in deutscher Sprache, "Knobi-Bonbon-Kabarett". Mit diesem Duo hatte er 1985 Premiere. Es erhielt 1988 den deutschen Kleinkunstpreis. Sein erstes Buch "Wir werden das Knoblauchkind schon schaukeln" veröffentlichte Dikmen 1983. 1986 folgte "Der andere Türke". "Hurra, ich lebe in Deutschland" erschien 1995. Darüber hinaus schrieb und schreibt der Kabarettist Artikel, Glossen und Satiren für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er pflegt einen durchaus bayerischen Humor, der an Ludwig Thoma erinnert.

Bei der Auswahl des Preisträgers hat sich Frey von Parteifreunden beraten lassen. Namentlich nannte er Kulturdezernent Hans-Bernhard Nordhoff und die kulturpolitische Sprecherin der SPD, Renate Wolter-Brandecker.

Dikmen will das Preisgeld in die Käs investieren. Vorgängerin Setlur hatte den Betrag an eine Wohltätigkeitsorganisation gespendet. Gestern ist Dikmen zu einer Tournee in die Türkei aufgebrochen. Dort macht er Kabarett – auf Deutsch versteht sich. "Fast alle Türken können Deutsch", sagt er dazu, "nur die Türken in Deutschland nicht. Das hängt auch mit den Deutschen zusammen."

In der Käs, die in der ehemaligen Naxos-Halle in der Waldschmidtstraße 19 untergebracht ist, wird auch der Skyline-Kulturpreis am 22. November vor geladenen Gästen Sinasi Dikmen überreicht. Die Laudatio hält der führere Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann.