F.A.Z.
SPD-Kulturpreis
Ehrung für "eingeplackten" Kabarettisten3
17. Oktober 2003, Die Frankfurter SPD hält die Multi-Kulti-Fahne weiter hoch. Nach Sabrina Setlur vor zwei Jahren, dem waschechten Frankfurter Mädchen mit indischem Vater, zeichnet sie in diesem Jahr mit Sinasi Dikmen einen nicht hundertprozentig echten Türken mit dem "Skyline", dem Kulturpreis der hiesigen Sozialdemokraten, aus. Nicht hundertprozentig, weil Dikmens Vater Tscherkesse und seine Mutter halb Türkin und halb Tscherkessin ist, was aber in Frankfurt völlig egal sein dürfte, weil erstens hier ohnehin niemand so richtig den Unterschied zwischen einem Türken und einem Tscherkessen kennt und zweitens Dikmen längst als Eingeplackter durchgeht, als "türkischer Eingeplackter", wie der SPD-Vorsitzende Franz Frey bemerkte.
Als ein solcher darf sich Dikmen so kesse Sätze wie "Du sollst nicht türken!" erlauben, für den ein SPD-Vorsitzender sich vermutlich die Rote Karte einhandeln würde. Freche Sprüche gehören ohnehin zum Handwerkszeug des Preisträgers, denn er ist Kabarettist, sogar einer mit einer eigenen Bühne, einer "Kabaretts-Änderungsschneiderei" mit dem schönen alttürkischen Namen "Die Käs", beheimatet in der Naxos-Fabrik im Frankfurter Nordend. Was Dikmens Glück ist, denn hätte er seine Bretter in Offenbach oder Hanau aufgeschlagen, wär's nichts geworden mit dem "Skyline", weil die Frankfurter Sozialdemokraten nur einen Frankfurter als Preisträger nehmen, und wenn er auch aus einem Schafsdorf namens Ladik stammt, welches vermutlich nicht einmal die Leute aus der nächstgelegenen Großstadt Samsun kennen. Dagegen ist eine Mitgliedschaft bei der SPD keine Voraussetzung, wichtig ist nur, daß der Auserwählte eine Persönlichkeit der Frankfurter Kulturszene ist. Auf Dikmen sind die Parteioberen dadurch gekommen, daß die Kulturexperten der Partei ihn empfohlen haben und weil der Chef ein gewisses Faible für Kabarett zeigt, auch einmal eine Vorstellung Dikmens in der Käs besucht hat - freiwillig. Nur einen ernsthaften Konkurrenten habe Dikmen gehabt, beichtete Frey - den Römer. Womit er wohl die Stadtverordnetenversammlung meint, in dem es tatsächlich zuweilen bühnenreif zugeht.
Aber um 93 Volksvertreter auszuzeichnen, dafür reichen die bescheidenen Finanzen der SPD natürlich nicht aus. Auch wenn der mit 5000 Euro dotierte "Skyline" nur alle zwei Jahre vergeben wird. Immerhin hat sich die SPD nicht gedrückt, nachdem sie nun einmal in einem Akt der letzten Verzweiflung den Preis damals im Oberbürgermeisterwahlkampf gestiftet hatte, um ihrem Kandidaten Joachim Vandreike einen pompösen Auftritt neben einem Star wie Setlur zu verschaffen. Der Bürgermeister hat nur die Stichwahl gegen Petra Roth verloren, die Rapperin dagegen ihren Boris Becker, außerdem ihren Porsche und den zur Führung des Schlittens notwendigen Lappen. Ein schlechtes Omen für den neuen Preisträger, dem der frühere Kulturdezernent Hilmar Hoffmann den "Skyline" am 22.November in der Käs überreichen wird? Keinesfalls, denn Dikmen hat nach eigenen Worten nichts zu verlieren außer seiner Bühne. In die wird er die 5000 Euro Preisgeld stecken.
Hans Riebsamen © F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2003
